Vom ’sich trauen vor anderen zu singen‘

Stellt euch vor, ihr sollt in einer halben Stunde etwas (Gesang, Fachpräsentation, ganz egal) vor einer kleinen überschaubaren Gruppe von Menschen, die ihr nicht kennt, präsentieren. Es gibt jetzt zwei Extreme, wie ihr euch fühlen könntet:
1. Ihr bereitet euch vor und tretet aufgeregt aber nicht übermäßig nervös vor eure Zuhörer. Vielleicht freut ihr euch sogar darauf.
2. Sofort treten starke Magenschmerzen und ein Gefühl, sämtliche Organe würden in euch rumgewirbelt ein. Die Hände fangen an, nass zu werden, der Gang zur WC Ente findet plötzlich alle 5 Minuten statt und man hat das Gefühl, man wüsste plötzlich, wie es sich anfühlen muss, wenn man stirbt 😉

Vielleicht ‚etwas‘ überdramatisiert, aber ich gehöre zu Gruppe 2. Wenn ich in der Berufsschule oder in der Firma eine Präsentation halten muss… ohweh! Die oben beschriebenen Gefühle treffen tatsächlich zu, zumindest in dem Zeitraum kurz vor dem großen Moment. Währenddessen nimmt es langsam ab und hinterher war es dann wieder ‚halb so schlimm‘ – wie eigentlich jedes Mal. Mittlerweile habe ich eigentlich genug positive Erfahrungen gesammelt, trotzdem überrennt mich dieses Gefühl jedes Mal wieder.
Beim Singen ist es da nicht anders. Ich habe bereits das ein oder andere Vorsingen hinter mir: Bei potenziellen Mitmusikern, bei Gesangslehrerinnen und bei Familie&Freunden. Meine Nervosität steigt auch da ins Unermessliche, allerdings habe ich wesentliche Unterschiede festgestellt. Am freiesten bin ich zum Beispiel immer bei Leuten, die ich nicht kenne und im Zweifelsfall nicht wiedersehen muss. Das erleichtert die Band- bzw. Mitmusikersuche ungemein. Ich bin in der Situation auch immernoch sehr lampenfiebrig unterwegs, jedoch klammere ich mich an den Gedanken, wenn ich es richtig versaue, muss ich meinen geschundenen Zuhörern ja nie wieder in die Augen schauen. Ich kenne diese Leute ja nicht. Bei der Gesangslehrersuche hatte ich auch keine richtig wirklich großen Probleme. Das Blatt wendet sich allerdings, wenn es um bekannte Gesichter geht. Diese Leute sehen mich öfter (ganz schlimm z.B. Arbeitskollegen) und könnten denken ‚Ach, das ist die, die schon soundsolange Unterricht nimmt und es klingt immernoch scheisse‘. Und richtig schlimm wird es bei Menschen, die ich selber liebe. Meine Familie und meine engsten Freunde haben mich eigentlich kaum ‚wirklich singen‘ hören.

Eine Ausnahme stellt da meine beste Freundin dar. Sie kennt mich eigentlich schon sehr lange, schon vor meinem Unterricht, als singende Person – mal mit mehr, mal mit weniger Selbstvertrauen 😉 Seit geraumer Zeit treffen wir uns ab und zu im Proberaum und ich habe tatsächlich das Gefühl, die Nervosität nimmt jedesmal weiter ab. Während sie am Anfang nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Kopf im Griff hatte (diese von links nach rechts huschenden Gedanken erschweren die Konzentration wirklich sehr!), begnügt sie sich nun mit dem ersteren und lässt mein Hirn in Frieden seinen Dienst verrichten. Es gibt also Hoffnung!
Vor kurzer Zeit (also wirklich kurzer Zeit, ich glaube zwei Monate oder so) habe ich mich überwunden, meinem Freund eine meiner Eigenkompositionen auf dem Klavier vorzuspielen und dazu zu singen. Es hat wirklich wirklich viel Anlauf gebraucht, um über diesen Schatten zu springen. Zu meiner Erleichterung ist er weder weggerannt, noch hat er sich die Ohren zu gehalten 😉 Auch ihm werde ich sicherlich wieder was vorsingen und ich bin überzeugt, es wird auch besser werden!

Meine Freundin sagte mir mal, mir fehle diese ‚Scheissegal was die anderen denken‘ Einstellung. Das stimmt. Aber wie soll mir auch egal sein, wie die Menschen, die ich liebe, das, was ich liebe, finden?? Wirrer Satz, hm? Wer da einen Tipp hat, immer her damit.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Es gibt kein Patentrezept, wie man sich schneller oder besser trauen kann und die Nervosität Nervosität sein lassen kann. Was es aber gibt, ist Hoffnung 😉 Wenn man den Willen hat, sich zu trauen, wird es irgendwann so weit kommen und tatsächlich Stück für Stück besser werden. Man ist keine schlechtere Sängerin, nur weil man keine extrovertierte Persönlichkeit ist, die schon seit eh und je im Vordergrund steht und das geniesst. Man hat es nur ein klein wenig schwieriger, weil man noch eine weitere Baustelle auf der ToDo Liste stehen hat 😉

Ein Gedanke zu „Vom ’sich trauen vor anderen zu singen‘

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