Eine Gesangsstunde ohne Singen ODER: Das Instrument Körper einrichten

Ich hatte gestern Gesangsunterricht. Das merkwürdige ist: Ich habe in dieser Stunde kein Wort gesungen! Ich berichtete meiner Lehrerin, dass ich die letzte Woche über mit Halsschmerzen zu kämpfen hatte und keine so sehr stimmlich anstrengenden Übungen machen wolle. Daraufhin baute sie die Stunde so um, dass wir ein bisschen Theorie und vor Allem viele Übungen zum Thema ‚Erfühlen der möglichen Resonanzräume im Körper‘ gemacht haben. Diese Stunde war ganz erstaunlich!

Als ich den Übungsraum betrat und die Isomatte auf dem Boden liegen sah, vermutete ich schon Schlimmes 😉 Wir machten dann erst die bekannten Atemübungen im Liegen, dieses kann ich jedem nur empfehlen. Mit verschiedenen Techniken zeigte sie mir, die ich die Luft beim Ausatmen noch besser dosieren kann und in der Tat konnte ich sofortige Ergebnisse erzielen.
Danach folgte dann das Erfühlen der Resonanzen. Was irgendwie befremdlich war, war doch auch ganz spannend und hat mir vor Allem sehr geholfen, den Körper als Instrument zu begreifen. Im einem Forum, in dem ich regelmässig unterwegs bin, habe ich letztens einen ganz passenden Satz gelesen: „Gesangsunterricht ist vergleich mit dem Bauen eines Instruments. Erst wenn das Instrument geschaffen ist, kann man anfangen, darauf zu spielen.“ (frei zitiert) Das habe ich gestern abend nicht nur begriffen, sondern erfahren.

Während ich ’so vor mich hin tönte‘, also einen Ton in einer bequemen Tonlage hielt, drückte meine Lehrerin hier und da an mir herum und die Effekte waren ganz erstaunlich. Sie hat mir also nicht nur erklärt, wo nutzbare Resonanzräume liegen, sondern zusammen mit mir diese erspürt und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich es besser hätte verstehen können.

Neben der Atemstütze, die ich schon kannte (Bereich unterhalb der Brust ist angespannt), lernte ich in dieser Stunde noch eine andere Art zu stützen kennen. Die Vorstellung dazu lautet ‚Du zerquetscht Orangen, die du dir in deine Achselhöhlen geklemmt hast‘ 😉 Dieses Bild regt die Vorstellungskraft eigentlich genug an, um den richtigen Bereich anzusprechen. Durch Übungen wurde mir dieser Effekt wieder verdeutlicht. Stellt euch mal so an eine Wand, als ob ihr sie wegschieben wolltet, fangt an einen Ton zu singen und versucht dann die Wand wegzudrücken – dann werdet ihr sehen, was ich meine 😉

Wir haben noch diverse Lockerungsübungen durchgenommen und den Ausdruck verschiedener Emotionen trainiert. Zu letzterem gab es eine Kartensammlung, auf der verschiedene Gemütsstimmungen (traurig, fröhlich usw.) stehen. Ich musste immer eine Karte ziehen und dann den Satz ‚Ich habe heute Gesangsunterricht‘ in der entsprechenden Stimmung sagen. Meine Gesangslehrerin hat dann geraten, was es war. Es hilft, sich genau darüber klar zu werden, wie Sprache,Mimik, Gestik, Körperhaltung sich in Bezug auf verschiedene Gemütszustände verändern.

Insgesamt war es eine sehr spannende Stunde, die mir viel gebracht, aber das nächste Mal möchte ich doch wieder ein bisschen singen 😉

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